Vom Blaubeergetzen zur Bassline


AM ANFANG WAR DER BLAUBEERGETZEN
Doch eigentlich beginnt die Geschichte lange vor der ersten Party. Seit 150 Jahren wird das Gasthaus Moosheide durchgängig bewirtschaftet, bis vor kurzem von Bechers Eltern, nun hat er es übernommen. Immerhin ist es sogar sein Heidelbeergetzen-Rezept, das das Lokal über die Grenzen des Erzgebirges hinaus berühmt gemacht hat. „Da rufen die Leute vorher an, ob’s auch wirklich die Getzen gibt, weil sie aus ein paar hundert Kilometern Entfernung kommen.“ Seit er fünf Jahre alt ist, kocht Christian Becher, wird schnell zum Chef am heimischen Herd, um seine Schwestern zu versorgen, während die Eltern das Geld ranschuften.
Inzwischen steht die Moosheide für mehr als nur ihre Küche, wenngleich sie bei keinem Event fehlen darf – nicht einmal wenn Techno durch den Wald schallt. „Das erwarten die Leute irgendwie. Die sagen: ‘Wir haben extra nichts gegessen zuhause, weil es bei euch was gibt’. Doch wen wundert’s, im Erzgebirge ist eben manches ein bisschen anders. So sitzen die Leute hier in kleinen und großen Gruppen gesittet an der Bierbank, dampfend heiße Süßkartoffelsuppe im Porzellanteller neben dem Cocktail und erst, wenn alle aufgegessen haben, wird getanzt.

EHRE DEM SCHACHTER
Der Kontrast zu Christians Anfangszeit als DJ könnte kaum größer sein. Seit Mitte der 90er legt er auf, als Techno im Erzgebirge noch im Untergrund stattfand. „Damals gab es hier eine große Szene mit vielen illegalen Partys, zum einen weil es keine richtigen Veranstaltungsorte gab, zum anderen, weils auch irgendwie cool war, was Illegales zu machen. Ich hatte vielleicht zehn, zwölf DJ-Namen, damit die Polizei mich nicht zurückverfolgen konnte.” Mit einem Schmunzeln auf den Lippen erinnert er sich an das Katz-und-Maus-Spiel, an all die verrückten Eventlocations. „Mal war’s das alte Fettlager einer Fleischerei, mal ein altes Fabrikgebäude, in dem noch Strom anlag. An das eine im Wald erinnere ich mich noch genau, da mussten wir durch einen Tunnel rein. Der war an manchen Stellen nur 60 cm hoch, 100 Meter lang, jede Kerze wäre aufgefallen, es musste alles finster sein nach außen.“
VINYL ONLY
Heute ist natürlich alles offiziell und doch hat sich Christian etwas Rebellisches bewahrt, auch wenn sich diese nun eher gegen die Kommerzialisierung des Technos richtet. „Das hier sind Vinyl-Only Events, kein Laptop, kein digitales Set-Up“. Da kann es schon mal passieren, dass ein Schweißtropfen vom Gesicht fällt, wenn er im Minutentakt die nächste passende Platte raussucht. „Back to the roots“ ist sein Motto, zurück zum Techno, wie er war, bevor er zum „Knöpfchendrücken in Unterwäsche“ wurde – etwas, womit er Publikum wie DJs gleichermaßen begeistert. „Der Großteil der Gäste ist um die 40, manche deutlich jünger, manche deutlich älter, auch viele von der Sorte, die vielleicht vor dreißig Jahren zur Love Parade gefahren sind.“ Mittendrin wippt eine Frau mit einem kleinen Kind zum Takt, selbst Bechers 71-jährige Mutter ist am Start, „obwohl sie eigentlich lieber Rockmusik mag“ – fügt er lachend hinzu. Und auch die DJs sind begeistert, kommen aus der Techno-Metropole Berlin und weiter her.
EIN ORT FÜR ALLE
Doch es ist nicht nur die Rebellion gegen den Kommerz, die den DJ bewegt. „Hier sind alle willkommen, hier gibt es keine Unterscheidung zwischen denen und uns“, betont der Veranstalter. „Vor ein paar Jahren sind hier mal Nazis reinspaziert, hatten aber keine Angriffsfläche, die sind dann wieder gegangen.“ Die Sätze fallen ruhig, ohne Pathos, wenn auch seine Erzählungen deutlich machen, wie sehr er mit der allgemeinen Stimmung in der Bevölkerung hadert. Und doch ist er noch hier, trotz Zweitwohnung in Berlin. „Ich bin hier halt aufgewachsen, ich kenn’ das halt alles hier. Ich habe oft darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn ich das hier – die Moosheide, das Gasthaus meiner Eltern – abgeben würde und wie es sich anfühlen würde, dann hier vorbeizufahren und das würde jemand anders gehören…“ Der Satz bleibt unvollendet.
Bei Techno im Wald geht es so familiär und friedlich zu, dass es nicht mal Türsteher braucht.
Inzwischen ist die Tanzfläche rappelvoll, manch einer verliert sich vollkommen in den Beats, hin und wieder gellt ein Pfiff zu den Drops hinauf in Richtung Sternenhimmel. Je länger man Christian Becher zuhört, desto mehr spürt man, dass das, was da vor dem DJ Pult passiert, so viel mehr ist als es scheint: Da geht es nicht nur um Musik, ums Partymachen, sondern vielmehr um Zugehörigkeit, um Selbstbestimmung, um das, was bleibt, wenn andere längst weitergezogen sind. Und so ist es für DJ Brainson nur selbstverständlich, noch eine Schippe draufzupacken: 2026 soll Techno im Wald noch größer werden. Schon jetzt steht er mit vielen bekannten DJs in Kontakt, jede Woche flattern dreißig, vierzig Anfragen in Gasthaus Moosheide & Klangholz - Veranstaltungsort für Techno im Wald und jede Menge andere Events sein Postfach. „Die Leipziger, die Berliner, die wollen auch einfach raus, die suchen so etwas wie hier, einen Ort, wo man mal ohne Menschenmassen und ohne Polizei gechillt feiern kann.“
Text und Bilder: Magda Lehnert


