Berufsausbildung als Experiment

Oft wenig Deutschkenntnisse, Bildungsmangel und unsicherer Aufenthaltsstatus: Flüchtlinge sind nicht die Bewerber, die sich Unternehmen wünschen. Trotzdem arrangieren sich Firmen.

Glauchau. Wenn Zaker Hussein Ghasemi von Autos redet, beginnen seine Augen zu leuchten. Spricht Eric Seidenglanz von dem jungen Afghanen, auch. "Er denkt mit und findet selber Lösungen, hat goldene Hände", sagt der Serviceleiter beim Autohaus Besico in Glauchau. Ghasemi kann sogar 1a schweißen, hat aber keinen Schweißerpass.

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Ghasemi hat im afghanischen Ghazni in einer Autowerkstatt gearbeitet und deshalb Erfahrung mit Autoreparaturen.

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Dass er nach einigen Jahren Praxis in einer Autowerkstatt noch lange keine ausgebildete Fachkraft ist und erst noch eine Berufsausbildung absolvieren muss, war dem Afghanen zunächst nicht klar. In seinem Land war er eine Fachkraft. Nach einem Praktikum und einer Einstiegsqualifizierung hat er nun das erste Lehrjahr begonnen.

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Personalleiterin Ina Spitzbarth weiß das Engagement des jungen Afghanen zu schätzen: "Wir sind sehr sozial eingestellt und aufgeschlossen, lassen die Abteilungen über die Einstellung von Migranten entscheiden und haben bereits Erfahrungen mit ausländischen Jugendlichen gemacht." Nicht alle davon waren positiv - für beide Seiten.

Zaker Hussein Ghasemi hingegen ist pünktlich, freundlich, motiviert, und er spricht sehr gut Deutsch. Ob er die Berufsschule schafft, ist aber fraglich. Seine Schulbildung ist kurz, nach vier Jahren hatte er mehr Lust auf Arbeit als auf Lernen und jobbte unter anderem beim Bau, in der Autowerkstatt und als Schweißer. Das könnte nun jedoch zum Problem werden. "Für einen erfolgreichen Abschluss müssen wir alle Register ziehen", meint Spitzbarth. Sie denkt dabei vor allem an gezielte Nachhilfe. Reicht es am Ende doch nicht für einen Facharbeiterbrief, dann kann Zaker Hussein bei Besico weiterarbeiten - als Werkstatthilfe.

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Über die Bildung der Geflüchteten gibt es verschiedene Angaben. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) aus dem Jahr 2017 bestätigt mögliche Probleme bei der Berufsausbildung. Hauptgrund sei die mit Deutschland nicht vergleichbare Schulbildung in den Fluchtländern. So endet im Irak, Iran, Afghanistan und Syrien die Schulpflicht nach neun Jahren, in Eritrea und Somalia nach acht. Die Einschulungsquote in Eritrea liegt nur bei 40 Prozent, in Somalia bei 20 Prozent. Nur acht Prozent der zwischen 2013 und 2016 Geflüchteten besitzen dem IW zufolge einen berufsbildenden Abschluss.

Den im ersten Halbjahr 2018 angekommenen Geflüchteten bescheinigt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hingegen mehr Wissen: "Im Vergleich zur Schulbildung volljähriger Antragsteller im Jahr 2017 hat sich das Bildungsniveau geringfügig verbessert." Antragsteller aus dem Iran seien dabei besonders gut gebildet, weniger gut indes Antragsteller aus Somalia, Nigeria und Eritrea. Mehr als ein Drittel der in diesem Zeitraum angekommenen Somalier hat überhaupt keine Schulbildung. Abgefragt wurde die höchste Schulbildung, aber nicht, ob sie abgeschlossen wurde.

Dass die Schulbildung in den Fluchtländern nicht mit der in Deutschland vergleichbar ist, wissen die Unternehmen in Handwerk, Dienstleistungen und Industrie. Um jedoch die zahlreichen freien Lehrstellen besetzen zu können, haben sie sich darauf eingestellt. So prüft die Handwerkskammer Chemnitz vor dem Abschluss eines Ausbildungsvertrages die Bewerber. "Mit Tests im Berufsbildungszentrum schauen wir uns die Qualifikation mancher Bewerber an", sagt Hauptgeschäftsführer Markus Winkelströter. Für eine Ausbildung müssen zudem gute Kenntnisse in Deutsch und der deutschen Kultur sowie die Einstiegsqualifikation vorhanden sein. "Die berufliche Basis muss stimmen, sonst funktioniert es in den Betrieben nicht."

Damit die Berufsschule nicht zum Stolperstein wird, organisieren die Firmen Nachhilfe. Bewährt hat sich auch ein Mentorenprogramm, bei dem sich Mitarbeiter um die Ausländer kümmern. Nach Ansicht der Handwerkskammer kommt das gut an - Kameradschaft wirkt oft intensiver als Nachhilfe vom Vorgesetzten. Eine Art Teilfacharbeiter, der nur bestimmte Arbeiten erledigen darf, können sich indes nur wenige Betriebe vorstellen: "Bei den meisten ist das im Ablauf nicht organisierbar", sagt der Kammerchef.

Bei der Kammer Chemnitz lernen mit dem Beginn des neuen Ausbildungsjahres 112 ausländische Jugendliche einen Handwerksberuf. Das Gros kommt aus Afghanistan (35), Syrien (20), Vietnam (8), dem Irak (6) und Russland (6). Insgesamt waren zu dem Zeitpunkt 1987 Jugendliche in die Lehrlingsrolle eingetragen.

Für die Industrie- und Handelskammer (IHK) sind ausländische Lehrlinge mittlerweile unverzichtbar. "Aufgrund der Notsituation haben die Firmen keine andere Wahl", sagt IHK-Chef Hans-Joachim Wunderlich. Es gibt nicht nur viel zu wenig Bewerber. "Motivation, Arbeitsmoral und Grundfertigkeiten bei den deutschen Schülern haben sehr nachgelassen, deshalb haben Ausländer gute Chancen." Von den Ende August knapp 8000 Ausbildungsverträgen wurden 518 mit Ausländern geschlossen. Die stärksten Herkunftsländer sind Afghanistan (101), Vietnam (89), Syrien (73) sowie Griechenland und Polen mit je 20 Verträgen. Insgesamt sind derzeit 66 verschiedene Nationen bei der IHK Chemnitz registriert.

Und es könnten noch mehr werden. Bereits jedes vierte Unternehmen gab bei einer Befragung an, ausländische Lehrlinge bereits eingestellt zu haben oder das in den kommenden zwei Jahren zu planen. "Für uns zählen Sprachkompetenz und dass sich der Jugendliche mit dem Unternehmen und der Aufgabe identifiziert", sagte der Personalchef von Sachsen-Guss in Chemnitz, Guntram Schönherr. Auch hier müssen die Bewerber vor der Einstellung ihre Fähigkeiten beweisen. Seit Monatsbeginn lernen zwei Syrer Industriemechaniker, ein Jugendlicher aus Polen Zerspanungsmechaniker und einer aus Tschechien Gießereimechaniker. "Wir wollen jährlich 25 Auszubildende einstellen und nutzen dazu alle Möglichkeiten", meint Schönherr.

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Quelle: Freie Presse vom 30.09.2019, Ramona Nagel