Schlussstrich unter die Pendelei schafft kreativen Freiraum im Kopf

Eine Rückkehrergeschichte

„Eine Kindheit auf dem Land prägt“, sagt Stephan Boden. Nach einigen Jahren Pendelei vom Allgäu bis Berlin und von Dresden bis Aachen knüpft Stephan Boden seit Frühsommer dieses Jahres auf unterschiedliche Weise an diese unbeschwerten Jahre in der Heimat an.

Er hat einen interessanten Job gefunden, einen Hof gekauft und sich so bereits erste Träume verwirklicht. Er ist einer von vielen, die den Weg zurück ins Erzgebirge suchen. Denn über 20 Prozent aller Weggezogenen sind bereits zurückgekehrt – Tendenz steigend.

Seine Biographie liest sich wie die von vielen, die Mitte der Achtziger geboren, gerade dann eine Ausbildung suchten, als die Marktlage denkbar ungünstig war. Eigentlich wollte Stephan Boden in die IT-Branche einsteigen und fand schließlich den Kompromiss bei einer Elektroinstallationsfirma - die dann aber ein halbes Jahr später pleiteging. Bei einem Unternehmen in Chemnitz setzte er nochmals alles auf null und begann bereits während der Ausbildungszeit mit auf Montage zu gehen. 14 Tage am Stück war er manchmal unterwegs, einfach weil eine Strecke von 600 km ihn von seiner Heimat trennte. „Die Fahrerei war nicht das Schlimmste. Viel einschneidender war, dass ich nach und nach viele meiner sozialen Kontakte zuhause verlor“, blickt der Eibenberger zurück. „Wenn man pendelt oder auf Montage ist, bleibt am Wochenende effektiv ein Tag übrig, an dem sich alles Private drängt. Und für Behördengänge muss man sogar jedes Mal Urlaub einplanen.“ Wenn man sieht, wie der 32jährige heute lebt, mag man sagen: der junge Mann hat doch immer Urlaub. Ein Dreiseithof in einer Nebenstraße, dahinter Wiesen, Felder - und Stille. Und seine Familie – Eltern, die Schwester, Cousinen und Cousins- lebt in jeder Himmelrichtung verteilt nur „einen Steinwurf“ entfernt.

Vormittags Hightech – nachmittags Marmeladenglas

Einen Job gefunden hat er bei einem der größten Arbeitgeber der Region, der KSG Leiterplatten GmbH Gornsdorf. Seit 2015 arbeitet er dort im Zweischicht-System für die technische Arbeitsvorbereitung, bereitet Kundendaten auf und verarbeitet Layouts für komplexe Schaltungen. „Diese Arbeit ist sehr facettenreich sowie individuell. Das Beste ist: es gibt jeden Tag etwas Neues und man wirkt mit beim Entwickeln neuster Technologien für die Realisierung besonderer“, erzählt Stephan Boden, „und ich fühle mich dort im Team mit tollen Kollegen gut aufgehoben und kann auf einen sicheren Arbeitsplatz bauen. Dafür nehme ich auch gern ein bisschen weniger Netto, im Vergleich zu den Kollegen, welche in Firmen aus den alten Bundesländern tätig sind, in Kauf“ Diese Sicherheit gibt ihm Freiraum im Kopf für eine Reihe an Ideen, an deren Umsetzung er nach der Arbeit werkelt: „Seit fünf Jahren habe ich eine Immobilie gesucht, die genügend Platz für all meine Vorhaben und für meinen Traum vom Hofladen bietet. Im Frühjahr wurde ich fündig.“ Zumindest auf dem Papier steht das Ladenkonzept. In „Brunos Hof“ – nach Namen des ersten Hofbesitzers – soll es Marmeladen und Weine geben, natürlich selbst gemacht. Verwertet wird auf traditionelle Weise ohne Gelierzucker nur, was auf dem eigenen Grundstück und am Weinberg wächst, den er mit einem Kumpel betreibt. „Da weiß man einfach, was drin ist – nämlich Wasser und Sonne – und zugegeben, natürlich auch noch etwas zusätzlicher Zucker.“ Abgeguckt hat er vieles schon als Junge bei seiner Oma, die ganz klassisch alles von der Erdbeere über Äpfel und Birnen bis zur Kartoffel anbaute. Sein erstes Versuchsbeet Erdbeeren hat er dieses Jahr gepflanzt. Die großen Heidelbeersträucher im Garten dagegen kaufte er auf dem Hof mit und erntete die süßen Früchte im Juli eimerweise im Stehen – statt früher als kleiner Junge mühselig mit den Eltern am Waldboden.

Großstadtflair am Wochenende

Früher ruhte sich Stephan Boden am Wochenende von den vielen Kilometern auf Deutschlands Straßen aus. Heute ist es an vielen freien Tagen andersrum. Denn er hat noch ein weiteres Hobby, das ihn von Kindesbeinen an fasziniert, zum Nebenberuf gemacht. Stephan Boden ist Pyrotechniker und Inhaber von colorfulPYRO, fährt zu Stadtfesten, Hochzeiten und Geburtstagen und verzaubert mit individuellen Choreographien seine Kunden und deren Gäste mit einem Feuerwerk. Mit seinem Helferteam oft in Großstädten unterwegs, registriert er, dass die Mentalität der Städter auch immer mehr Richtung Land „überschwappt“: „Das hat nicht nur Nachteile sondern öffnet den Blick für neue Dinge. Aber mein Wunsch ist es auch, dass die Wertschätzung des Gegenübers, des Nachbarn wie sie bei uns im Kleinen selbstverständlich ist, trotzdem erhalten bleibt.“

Pyrotechnik, Weinberg und Hofladen – die Grundlagen für die Verwirklichung seiner Träume hat Stephan Boden mit dem Schlussstrich unter das Pendeln gezogen. „Auch wenn für meine selbstgemachten Produkte die Nachfrage steigt, wird das alles nur zum Spaß in der Freizeit bleiben“, betont Stephan Boden. Stück für Stück wird er seine Pläne in der Zukunft umsetzen und dabei seine Ruhe und die Freizeitmöglichkeiten im Erzgebirge genießen: „Die Region ist so vielfältig und abwechslungsreich und hat das ganze Jahr über seine Reize. Aber richtig freue ich mich auf Weihnachten, denn das ist einfach nirgends so schön wie hier.“

Pendleraktionstag Erzgebirge – Jobmesse zwischen den Feiertagen

Nach Weihnachten ist vor Weihnachten – und dazwischen liegen für tausende Erzgebirger wie einst für Stephan Boden täglich oder an den Wochenenden viele Stunden Fahrtzeit mit Staus und blanken Nerven auf Deutschlands Straßen. Für all diejenigen, aber auch vor Jahren Weggezogene, veranstalten die Wirtschaftsförderung Erzgebirge GmbH gemeinsam mit der Agentur für Arbeit Annaberg-Buchholz, der IHK Chemnitz Regionalkammer Erzgebirge und der Industrie- und Gewerbevereinigung Aue e. V. in den Zwischentagen wieder den Pendleraktionstag Erzgebirge am 27.12.2018 im Kulturhaus Aue und am 28.12.2018 im GDZ Annaberg, jeweils von 10:00 bis 14:00 Uhr. Gerade weil auch so viele Rückkehrwillige in dieser Zeit bei ihren Familien weilen, ist diese Terminwahl für Unternehmer und Arbeitnehmer interessant. Sie können zur Jobmesse zwischen Weihnachtsbraten und Silvesterkarpfen entspannt mit potentiellen Arbeitgebern ins Gespräch kommen und erste Kontakte knüpfen und so den ersten Schritt Richtung beruflichen Perspektivwechsel gehen.

 

Quelle: Medieninformation Regionalmanagement Erzgebirge, 14.11.2018